Männliche Phantasie übertrifft alle Wirklichkeit des Weibes, hinter der alle Wirklichkeit des Mannes
zurückbleibt. Oder zeitverständlicher gesagt: Der Spekulant überbietet eine Realität, die größer ist als das Kapital.
Karl Kraus
Wanderers Rast
Hier wo donnernd die Lawinen sausen,
Unablässig Schnee und Hagel stürzen,
Wo die Nacht sich nach dem Tage sehnt
Und der Tag verdunkelt wird von Stürmen –
Unter einem schmalen Felsenhange
Ward mir eine kurze Rast gegönnt.
Fort nach Süden sehnte sich mein Fuß,
Wo die Himmel heiter niederblauen,
Trunkene Augen über Meere schauen
Und die Nächte kühl herniedersinken –
Fort nach Süden sehnte sich mein Herz.
Doch der Wetter Ungunst hielt zurück,
Alle Lebenspässe sind verschneit,
Und ich füge mich in mein Geschick,
Wenn mein Herz auch vor Empörung schreit:
"Nichts auf dieser Welt war dein,
Nicht ein Bettgestell und nicht ein Schrein,
Schmucklos starren deine kahlen Wände –"
Und ich strecke meine mageren Hände
In die wilde sturmdurchtoste Nacht,
Wissend, daß mein Schicksal sorgend wacht,
Sorgend, daß die Stunden, die mir starben,
Klagend meine Einsamkeit durchirren,
Mich mit kaltem Flügelschlag umschwirren
Und wie Totenschatten seufzend girren –
Sorgend, daß die Schneelawinen stäuben,
Unaufhörlich donnernd niedersausen
Und die alten Schmerzen übertäuben,
Die mir in den Herzenskammern hausen,
Und mit ihren wilden Sturmakkorden
Meine Sehnsucht nach der Sonne morden.
Ludwig Scharf
Karl Kraus
Wanderers Rast
Hier wo donnernd die Lawinen sausen,
Unablässig Schnee und Hagel stürzen,
Wo die Nacht sich nach dem Tage sehnt
Und der Tag verdunkelt wird von Stürmen –
Unter einem schmalen Felsenhange
Ward mir eine kurze Rast gegönnt.
Fort nach Süden sehnte sich mein Fuß,
Wo die Himmel heiter niederblauen,
Trunkene Augen über Meere schauen
Und die Nächte kühl herniedersinken –
Fort nach Süden sehnte sich mein Herz.
Doch der Wetter Ungunst hielt zurück,
Alle Lebenspässe sind verschneit,
Und ich füge mich in mein Geschick,
Wenn mein Herz auch vor Empörung schreit:
"Nichts auf dieser Welt war dein,
Nicht ein Bettgestell und nicht ein Schrein,
Schmucklos starren deine kahlen Wände –"
Und ich strecke meine mageren Hände
In die wilde sturmdurchtoste Nacht,
Wissend, daß mein Schicksal sorgend wacht,
Sorgend, daß die Stunden, die mir starben,
Klagend meine Einsamkeit durchirren,
Mich mit kaltem Flügelschlag umschwirren
Und wie Totenschatten seufzend girren –
Sorgend, daß die Schneelawinen stäuben,
Unaufhörlich donnernd niedersausen
Und die alten Schmerzen übertäuben,
Die mir in den Herzenskammern hausen,
Und mit ihren wilden Sturmakkorden
Meine Sehnsucht nach der Sonne morden.
Ludwig Scharf