Bei uns hat jeder seine absonderlichen Privatschmerzen und Privatleidenschaften: Jeder ist sich selbst
der Nächste geworden, und er singt nur, was ihm behagt, was ihn quält, und fragt nicht darnach, ob er damit auch eine Saite am Herzen seines Volkes berühre.
Georg Herwegh
Krötensage
Des Berges alte Wangen sind
Von Maiensonne beschienen;
Sie lächeln unter Quellenglanz,
Die Schilfe, die Farren ergrünen.
Die Kröte springt aus dem Kieselstein,
Ein Hirt hat ihn zerschlagen;
Sie schaut verdrossen die Scherben an,
Und sie beginnt zu sagen:
»Viel tausend Jahre bin ich alt
Samt diesem Futterale!
Es schob vom hohen Felsgebirg
Allmählich mit mir zu Tale.
Doch manchmal in der Wasser Sturz
Sind wir gewaltig gesprungen;
Dann hat's um meine dunkle Klausur
Gesungen und geklungen.
Und wie mir ist – ich weiß es nicht,
Noch was ich getrieben indessen;
Ich hab im mindesten nichts gelernt
Und hatte nicht viel zu vergessen.
Ein warmer Regen, ein grünes Kraut
Nur konnten mir behagen;
Sie liegen mir fort und fort im Sinn
Aus fernen Jugendtagen.
So hab ich ein langweilig Stück
Unsterblichkeit erworben;
Hätt ich getrunken lebendige Luft,
Längst wär ich vernünftig gestorben.«
Gottfried Keller
Georg Herwegh
Krötensage
Des Berges alte Wangen sind
Von Maiensonne beschienen;
Sie lächeln unter Quellenglanz,
Die Schilfe, die Farren ergrünen.
Die Kröte springt aus dem Kieselstein,
Ein Hirt hat ihn zerschlagen;
Sie schaut verdrossen die Scherben an,
Und sie beginnt zu sagen:
»Viel tausend Jahre bin ich alt
Samt diesem Futterale!
Es schob vom hohen Felsgebirg
Allmählich mit mir zu Tale.
Doch manchmal in der Wasser Sturz
Sind wir gewaltig gesprungen;
Dann hat's um meine dunkle Klausur
Gesungen und geklungen.
Und wie mir ist – ich weiß es nicht,
Noch was ich getrieben indessen;
Ich hab im mindesten nichts gelernt
Und hatte nicht viel zu vergessen.
Ein warmer Regen, ein grünes Kraut
Nur konnten mir behagen;
Sie liegen mir fort und fort im Sinn
Aus fernen Jugendtagen.
So hab ich ein langweilig Stück
Unsterblichkeit erworben;
Hätt ich getrunken lebendige Luft,
Längst wär ich vernünftig gestorben.«
Gottfried Keller