käme, um zu erfahren, was aus Deutschland geworden sei und wie burgenhaft stolz es sich von ferne ausnähme. Dann würde er es recht lieben lernen, nicht wie der Bauer seine Milchkuh, des Vorteils wegen, sondern wie ein Sohn seine Mutter, als unantastbares heiliges Gut.
Julius Stinde
Es gibt vielleicht ebenso viele Wahrheiten unter den Menschen wie Irrtümer, ebenso viele vornehme wie üble Eigenschaften, ebenso viele Freuden wie Leiden, aber wir kritisieren gerne die menschliche Natur, um uns als einzelner über unsere Gattung zu erheben und uns selbstherrlich jenes Gleichgewicht zuzusprechen, das in ihr beschlossen liegt, und das wir ihr nicht zugestehen.
Ja, wir sind so anmaßend, zu glauben, wir könnten unser persönliches Interesse von dem der Menschheit trennen und das ganze Menschengeschlecht herabsetzen, ohne uns selbst bloßzustellen.
Diese lächerliche Eitelkeit hat die Philosophiebücher mit Schmähungen über die menschliche Natur überfüllt, so daß der Mensch bei allen Denkenden in Ungnade gefallen ist, und jener am meisten bewundert wird, der ihm die meisten Laster zuspricht.
Doch vielleicht ist er gerade wieder so weit, sich zu erheben und sich alle Tugenden aufs Neue bestätigen zu lassen. Denn nichts ist beständig, und auch die Philosophie hat ihre Moden wie die Kleidung, die Musik, die Architektur und alles auf der Welt.
Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues
Julius Stinde
Es gibt vielleicht ebenso viele Wahrheiten unter den Menschen wie Irrtümer, ebenso viele vornehme wie üble Eigenschaften, ebenso viele Freuden wie Leiden, aber wir kritisieren gerne die menschliche Natur, um uns als einzelner über unsere Gattung zu erheben und uns selbstherrlich jenes Gleichgewicht zuzusprechen, das in ihr beschlossen liegt, und das wir ihr nicht zugestehen.
Ja, wir sind so anmaßend, zu glauben, wir könnten unser persönliches Interesse von dem der Menschheit trennen und das ganze Menschengeschlecht herabsetzen, ohne uns selbst bloßzustellen.
Diese lächerliche Eitelkeit hat die Philosophiebücher mit Schmähungen über die menschliche Natur überfüllt, so daß der Mensch bei allen Denkenden in Ungnade gefallen ist, und jener am meisten bewundert wird, der ihm die meisten Laster zuspricht.
Doch vielleicht ist er gerade wieder so weit, sich zu erheben und sich alle Tugenden aufs Neue bestätigen zu lassen. Denn nichts ist beständig, und auch die Philosophie hat ihre Moden wie die Kleidung, die Musik, die Architektur und alles auf der Welt.
Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues